Rock’n’Roll braucht keine Rettung – Rock’n’Roll braucht nur, dass man ihn spielt
Die New Yorker Band Geese erfindet auf ihrem dritten Album das Rad nicht neu – sie lassen es einfach in alle Richtungen gleichzeitig rollen, während sie schreiend hinterherlaufen. „Getting Killed“ ist kein Album für Menschen, die es gerne aufgeräumt mögen. Es ist chaotisch, sperrig, manchmal anstrengend – und genau deshalb eines der aufregendsten Rock-Alben des Jahres. Wo andere Bands sich an bewährte Formeln klammern, jonglieren Geese mit Jazz, Blues, Psych-Rock, Punk und Soul, als hätten sie keine Angst vor dem Scheitern. Und tatsächlich: Sie scheitern nicht. Im Gegenteil.
Das Album beginnt mit „Trinidad“, und wer hier einsteigt, wird sofort ins kalte Wasser geworfen. Sänger Cameron Winter brüllt von Bomben im Auto und toten Töchtern, während die Band ein unruhiges Psych-Blues-Gewitter entfesselt. Was folgt, ist eine Achterbahnfahrt durch elf Songs, die sich nicht um konventionelle Strukturen scheren. Stattdessen leben sie von Groove, Wiederholung und abrupten emotionalen Wendungen. „Cobra“ schaukelt entspannt mit Beach-Boys-Anleihen, „Husbands“ fragt sarkastisch, ob der Preis des Status quo es wert ist, dass alle Ehemänner sterben, und „Taxes“ – vielleicht der zugänglichste Song – explodiert in der zweiten Hälfte in einen ekstatischen Instrumentalausbruch.
Musikalisch bewegen sich Geese irgendwo zwischen den Velvet Underground, King Gizzard & The Lizard Wizard und Dirty Projectors, doch klingen dabei völlig eigenständig. Die Produktion von Kenny Beats fängt die Live-Energie ein, ohne die rauen Kanten wegzupolieren – genau das braucht diese Musik. Die Texte? Surreal, kryptisch, manchmal absurd. Winter singt „I was a sailor, and now I’m a boat“ und man weiß nicht, ob das tiefgründig oder einfach nur Unsinn ist – aber es funktioniert.
Jetzt die Sache mit Winters Stimme: Sie ist gewöhnungsbedürftig. Mal näselnd, mal kreischend, mal ein wenig wie Thom Yorke auf Drogen, mal wie Mick Jagger nach drei durchzechten Nächten. Manche werden sie lieben, manche werden sie hassen – Gleichgültigkeit löst sie nicht aus. Und genau das ist der Punkt: „Getting Killed“ polarisiert, provoziert, fordert heraus. Es ist kein Album, das man nebenbei hört. Es ist eines, das man erlebt, durchsteht, verarbeitet.
„Getting Killed“ ist die Antwort auf die Frage, ob Rock’n’Roll noch etwas zu sagen hat. Ja, hat er. Solange es Bands wie Geese gibt, die sich trauen, wild, widersprüchlich und unberechenbar zu sein. Das Album ist keine Rettung des Rock – es ist der Beweis, dass Rock keine Rettung braucht. Nur Leute, die ihn spielen.

