Comeback nach 16 Jahren: Die Brüder aus Virginia sind zurück – und reifer als je zuvor
Manchmal braucht es einen Grund, um ein Album zu machen. Bei Pusha T und Malice, den beiden Brüdern, die als Clipse seit Anfang der 2000er zu den wichtigsten Stimmen im US-Rap zählen, war dieser Grund der schmerzlichste denkbare: Ihre Mutter starb im November 2021, ihr Vater folgte nur vier Monate später. Aus diesem tiefen Verlust heraus entstand „Let God Sort Em Out“, ihr erstes gemeinsames Album seit 16 Jahren, produziert wieder von Pharrell Williams – dem Mann, der bereits ihren legendären frühen Sound mit den Neptunes prägte.
Der Opener „The Birds Don’t Sing“ ist sofort ein Statement, dass dies kein nostalgischer Zurück-zu-den-Wurzeln-Trip wird. Über getragene Piano-Akkorde von Stevie Wonder, begleitet von John Legend und einem Gospel-Chor, rechnen die Brüder mit dem Tod ihrer Eltern ab. Pusha rappt über das letzte Gespräch mit seiner Mutter, das er bereut: „Lost in emotion, Mama’s youngest / Trying to navigate life without my compass.“ Malice antwortet mit Zeilen über den Vater: „The way you missed Mama, I guess I should have known / Chivalry ain’t dead, you ain’t let her go alone.“ Zwei der härtesten Rapper ihrer Generation zeigen sich verletzlich – und es geht unter die Haut.
Danach aber sind die alten Straßenkönige zurück. „Chains & Whips“ mit Kendrick Lamar ist ein quickender, fiebrig treibender Track, bei dem Pharrell auf Snares verzichtet und stattdessen mit minimalen Gitarren und dumpfem Bass arbeitet – ein Trick, den wir schon aus ihrem Meisterwerk „Hell Hath No Fury“ kennen. Tyler, the Creator taucht auf „P.O.V.“ auf, Stove God Cooks liefert auf dem funky groovenden „F.I.C.O.“ einen der Killer-Hooks des Albums. Die Gäste passen, die Features funktionieren. Was bei diesem Album jedoch am meisten beeindruckt: Clipse klingen nicht wie eine Band, die nach 16 Jahren mal schnell ein Comeback-Album zusammenschraubt. Sie klingen wie Rapper, die in der Zwischenzeit gelernt, gelebt und gelitten haben – und die all das jetzt in ihre Texte packen. Malice, der sich zwischenzeitlich als christlicher Rapper „No Malice“ neu erfand, rappt auf „So Far Ahead“: „I done been both Mason Bethas“ – eine Anspielung auf den Rapper Ma$e, der zwischen Rap und Religion hin- und herpendelte.
Auf der zweiten Albumhälfte wirkt Pharrells Produktion hier und da eine Spur zu glatt und der Feature-Part von Nas auf „Let God Sort Em Out/Chandeliers“ wirkt seltsam deplatziert. Aber das sind Kleinigkeiten. Im Kern ist „Let God Sort Em Out“ ein starkes, oft grandioses Album, das beweist: Clipse sind nicht hier, um zu beweisen, dass sie zu den Besten gehören. Sie sind hier, um uns daran zu erinnern, dass das schon sehr lange so ist.

