Wenn der finnische Jazz-Alchemist zum Mond reist und Big-Band-Funk mitbringt
Jimi Tenor legt einem den perfekten Soundtrack für den Moment hin, in dem man einfach mal alles andere vergessen darf. Der 60-jährige finnische Multiinstrumentalist hat mit seiner neuen Band ein Album aufgenommen, das so herrlich quer durch alle Schubladen tanzt, dass einem schwindelig wird – aber im besten Sinne. Afrobeat trifft Big-Band-Jazz, Spiritual Jazz küsst Electro-Funk, Sun Ra grüßt aus dem Kosmos und irgendwo mittendrin schippert das Ganze auf einem entspannten Groove durch die Gegend, als gäbe es keine Sorgen auf der Welt.
Die Geschichte hinter dem Album ist fast so gut wie die Musik selbst: Während der Pandemie versammelte Tenor Musiker*innen in seiner Helsinkier Küche zu A-Cappella-Sessions. Später zog sich die Band in ein abgelegenes Studio zurück – benannt als „Kiikala Center of the Universe Studio Complex“ – wo die Eltern des Bassisten sie mit Pfifferlingen und Elchfleisch aus dem Wald versorgten. Klingt nach einem schrägen Märchen. Aber das Ergebnis ist pure Spielfreude: Die meisten Tracks wurden in nur einem Take eingespielt, und man hört in jedem Ton, dass hier Menschen zusammen Musik machen, die wirklich Lust darauf haben.
Der Titeltrack „Selenites“ startet mit Space-Age-Synthie-Gepiepe, bevor Big-Band-Bläser übernehmen und das Ganze in jazzige Sphären katapultieren. Der letzte Satz des Songs – „radiating the spirit of Ra“ – macht klar, wer hier Pate stand: Sun Ra, der große kosmische Visionär. „Some Kind Of Good Thing“ groovt sich von traditionellem Swing in funkigen Soul, „Sunny Song“ ist eine Flöten-getragene Hymne an sorgenfreie Tage, und „Universal Harmony“ predigt mit Afrobeat-Groove die heilende Kraft der Musik. Spätestens bei „Looking For The Sunshine“, wenn westafrikanische Rhythmen auf James-Brown-Funk treffen, hat einen dieses Album komplett im Griff. Mit der ghanaischen Sängerin Florence Adooni liefert Tenor in „Shine All Night“ dann noch eine unwiderstehliche Mischung aus elektronischem Puls und Jazz-Improvisation.
Man könnte jetzt lang und breit analysieren, wie geschickt hier Fela Kuti mit Steely Dan versöhnt wird, wie mühelos Electronica und traditioneller Jazz miteinander verschmelzen oder wie verdammt gut diese Band einfach spielt. Aber ehrlich gesagt: Wen juckt’s? „Selenites, Selenites!“ ist ein Album, das einen daran erinnert, dass Musik auch einfach mal gute Laune machen darf, ohne dabei simpel oder naiv zu sein. Es ist intelligent und tanzbar, komplex und eingängig, ernsthaft und verspielt – kurz: Es ist genau das Album, das wir gerade brauchen. Also: Anhören, Füße wippen lassen und den ganzen Rest mal für 38 Minuten vergessen.

