Der Prediger in der Arena
Wer Nick Cave seit den 1980ern kennt, weiß: Das ist ein Mann, der sein Leben lang mit Gott hadert, ihn verflucht, ihn sucht und gelegentlich findet. Aber der Nick Cave, der im November 2024 in der Pariser Accor Arena die Bühne betritt, ist ein anderer als der düstere Goth-Prinz von damals. Er ist 67 Jahre alt, hat zwei Söhne verloren, Trauer durchlebt, die die meisten Menschen zerbrechen würde – und steht nun da als etwas, das man am besten als Arena-Prediger der Freude beschreiben kann. „Live God“, aufgenommen während der Wild-God-Tour 2024/25, dokumentiert diesen verwandelten Cave und seine Bad Seeds auf einem Höhepunkt ihrer Live-Kunst. Cave selbst nennt diese Konzerte ein „Gegenmittel zur Verzweiflung“. Und genau so klingt es.
Das Doppelalbum beginnt mit „Frogs“ und „Wild God“, zwei Songs vom aktuellen Studioalbum, und macht sofort klar: Hier ist eine Band am Werk, die die Arena nicht nur füllt, sondern in eine Art säkulare Kirche verwandelt. Der Gospel-Chor – vier Sängerinnen, die dem Sound eine sakrale Wucht verleihen – ist das Herzstück dieser Transformation. Wo früher die Bad Seeds selbst die Backing Vocals lieferten (schräger, männlicher, weniger fokussiert), erklingt nun ein mächtiger, fast himmlischer Gesang, der Caves düstere Narrative in transzendente Hymnen verwandelt. 18 Tracks umfasst das Album – auf Vinyl leider nur 15 ;-( , auf CD/Digital drei zusätzliche –, und die Setlist ist klug komponiert: Acht Songs von „Wild God“ werden durchwoben mit Klassikern aus vier Jahrzehnten. „O Children“ (2004), „From Her to Eternity“ (1984), „Tupelo“ (1985), das durch „Peaky Blinders“ unsterbliche „Red Right Hand“ (1994) – diese Songs klingen nicht wie Nostalgie, sondern wie alte Freunde, die zu einer besonderen Feier eingeladen wurden. „Tupelo“ ist dabei ein besonderer Höhepunkt: fast acht Minuten wütende, angsterfüllte Energie, Cave singt „Oh god I’m in Tupelo“ wie ein Fluch, der Chor antwortet, das Publikum brüllt mit. Es ist gewaltig.
Aber es sind die leiseren Momente, die zeigen, wie weit Cave gekommen ist. „Into My Arms“ – einst eine zarte Ballade über Liebe ohne Gott – wird hier zum kollektiven Mitsingen, tausende Stimmen vereint, Caves brüchige Stimme schwebt darüber. „O Wow O Wow (How Wonderful She Is)“, ein Tribut an seine verstorbene Partnerin und Bad-Seeds-Mitglied Anita Lane, endet mit einer Voicemail von ihr – ein Moment so intim, dass er fast schmerzt. Und dann „Conversion“, ein Song, der sich wie eine Taufe anfühlt, der von „touched by the spirit, touched by the flame“ singt und in ekstatischen Jubel mündet.
Cave ist nicht mehr der junge Wilde, der im Dreck wühlt. Er ist ein Mann, der gelernt hat, mit dem Licht zu leben, der Freude zulässt, ohne die Dunkelheit zu vergessen. Mit Colin Greenwood von Radiohead am Bass, Warren Ellis als musikalischem Partner und einer Band, die seit Jahrzehnten zusammenspielt, liefert „Live God“ genau das: ein Dokument der Transformation.
Die Produktion ist bewusst rau gelassen – keine Politur, die die Energie wegschleift, sondern ein direkter, unmittelbarer Sound, der die Intensität dieser Konzerte bewahrt. Man hört die Arena atmen, spürt die Hitze, die Ekstase. Der Schlusssong „As the Waters Cover the Sea“ (nur auf CD/Digital) ist dann nur noch zwei Minuten lang, Cave verschwindet fast in den Chorstimmen – Ego-Auflösung als finaler Akt. Ein Mann, der sein ganzes Leben lang im Mittelpunkt stand, lässt los.
„Live God“ ist kein gewöhnliches Live-Album. Es ist eine Predigt, eine Messe, ein kollektiver Moment der Erlösung. Und es ist der Beweis, dass Nick Cave nach 40 Jahren immer noch weiß, wie man Berge versetzt.
PS: In der Arte-Mediathek gibt es im Moment das komplette Konzert zu sehen!

