Wenn das Innehalten zur Reise wird
Alleine sein ist gar nicht so einsam, wenn die richtigen Menschen einen dabei begleiten. Vier Jahre nach ihrem letzten Solo-Album und nach intensiven Kollaborationen mit Joni Mitchell und Elton John zieht sich die Sängerin zurück – nicht, um zu verschwinden, sondern um wieder aufzutauchen. Das achte Studioalbum der mehrfachen Grammy-Gewinnerin beginnt mit einem Gedicht, das nach einer durchzechten Nacht im Hudson Valley entstand, und wird zu einer äußerst bewegenden Platte. Der Titel ist Programm: Carlile singt von der Einsamkeit des Zu-sich-selbst-Findens, doch die zehn Songs auf diesem Album sind alles andere als isoliert. Mit Aaron Dessner, Andrew Watt und Justin Vernon hat sie sich drei Produzenten ins Studio geholt, die genau wissen, wie man große Gefühle in intime Klangräume übersetzt. Das Ergebnis: Ein Album, das zwischen verträumten Folk-Balladen und einem einzigen, herrlich übergriffigen 80er-Rocker namens „Church & State“ pendelt – geschrieben in der Wahlnacht 2024, getragen von U2-Energie und Pat-Benatar-Attitude. Brandi Carliles unverwechselbare, körnig-warme Stimme, zeigt sich hier von ihrer verletzlichsten Seite. Keine Powerhouse-Momente um ihrer selbst willen, stattdessen eine neue Zartheit. In „You Without Me“, einem mit Elton John und Bernie Taupin geschriebenen Stück über das Loslassen der eigenen Kinder, klingt sie, als würde sie sich selbst davon überzeugen müssen, dass Liebe auch bedeutet, die Hände zu öffnen. „Anniversary“ besingt mit sanft gedoppelten Vocals die gefährliche Stille in langen Beziehungen, während „No One Knows Us“ wie eine Zeitkapsel aus den Achtzigern wirkt – inklusive Everclear und der Frage: „What if we’re gay?“ Natürlich bekommt Joni Mitchell ihren eigenen Song. „Joni“ ist Liebeserklärung und Verneigung zugleich, vielleicht ein wenig zu ehrfürchtig, aber wer wollte es Carlile verübeln? Schließlich hat sie Mitchell zurück auf die Bühne gebracht, und diese spirituelle Erfahrung schwingt in jedem Takt des Albums mit. Am Ende bleibt die Erkenntnis, dass Rückkehr zu sich selbst keine einsame Reise sein muss. Im Gegenteil: Carlile findet sich gerade dort, wo sie sich öffnet. Ein Album für Herbststürme und kuschelige Decken, für große Fragen und kleine Momente. Und für alle, die wissen, dass man manchmal einen Umweg nehmen muss, um nach Hause zu kommen.

