Auf den Spuren einer vergessenen Pionierin
Es gibt Geschichten, die lesen sich wie Romane. Die der französischen Cellistin Lise Cristiani ist eine davon: Mit 19 Jahren wagte sie 1844 als erste Frau überhaupt den Schritt, öffentlich Cello-Konzerte zu geben – skandalös zur damaligen Zeit. Drei Jahre später tourte sie mit ihrem Stradivari durch die entlegensten Dörfer Sibiriens, über 19.000 Kilometer, teils bei Eiseskälte im Schlitten. Auf der Rückreise 1853 starb sie mit nur 27 Jahren an der Cholera. Und dann wurde sie – obwohl oder vielleicht weil sie für alle kommenden Musikerinnen ein Wahnsinns-Vorbild hätte sein können – vergessen, fast ausgelöscht im 20. Jahrhundert. Bis jetzt. Sol Gabetta, die argentinisch-französisch-schweizerische Cello-Virtuosin, hat sich dieser fast unglaublichen Biografie angenommen – und was dabei herausgekommen ist, hätte Cristiani mit Sicherheit gefallen. Acht Jahre lang hat Gabetta recherchiert, mit Musikwissenschaftler*innen zusammengearbeitet, Cristianis Repertoire rekonstruiert. Das Ergebnis ist ein Album, das zur Hälfte aus Weltersteinspielungen besteht und zum 200. Geburtstag dieser Cello-Pionierin im Dezember 2025 erscheint. Zusammen mit der Cappella Gabetta, der Pianistin Irina Zahharenkova am Fortepiano und den Cellisten Victor Julien-Laferrière und Luca Magariello spielt Sol Gabetta ein Programm, das ganz der Mode der musikalischen Salons des 19. Jahrhunderts entspricht: Arrangements von Schubert-Liedern (darunter „Ave Maria“ und „Du bist die Ruh“), Donizettis „Una furtiva lagrima“ aus „L’elisir d’amore“, dazu Originalwerke von Cristianis Weggefährten und Bewunderern. Jacques Offenbach, der junge Cellist und Komponist, unterstützte Cristiani bei ihren Pariser Debüts 1844/45 und widmete ihr mehrere Werke, darunter „Prière et Boléro“ und „Musette“ – Stücke, die zu Cristianis Lieblingen wurden. François-Adrien Servais, seinerzeit als „Paganini des Cellos“ gefeiert, steuerte virtuose Fantasien bei, etwa die „Fantaisie sur deux airs russes“ mit atemberaubenden Sautillés und akrobatischen Sprüngen. Alexandre Batta, ein weiterer großer Cellist der Epoche, arrangierte nicht nur Schubert-Lieder für das Instrument, sondern schrieb auch ein fantastisches Stück für drei Celli nach Rossinis „Wilhelm Tell“. Und genau hier zeigt sich, auf welchem Niveau Cristiani agierte – und was Gabetta zu leisten imstande ist. Denn dieses Repertoire ist technisch „verzwickt virtuos“, wie Gabetta selbst sagt. Selbst Schuberts „Ave Maria“, arrangiert für Cello, ist anspruchsvoll. Aber Sol Gabetta beherrscht das Spiel zwischen empfindsamen, Herzen umgarnendem Celloton und schmissiger Virtuosität mühelos. Ihr Goffriller-Cello von 1730 singt in den Schubert-Bearbeitungen mit samtigem, seidenweichem Ton, während sie in Servais‘ „Souvenir de Spa“ oder Offenbachs „Boléro“ alle Register ihres technischen Arsenals zieht: Flageolets, rasante Läufe, Sprünge über Oktaven, Terzen und Sexten. Was auf diesem Album besonders beeindruckt, ist die Verbindung von historischer Spurensuche und musikalischer Gegenwart. Gabetta lässt eine Welt wiederauferstehen, die fast verloren war – eine Welt voller volkstümlich inspirierter Melodien, italienischer Opernarien und romantischer Salonstücke, gespielt von einer Frau, die gesellschaftliche Konventionen brach und zur Inspiration für Generationen von Musikerinnen wurde. Die Hälfte der hier eingespielten Stücke wurde noch nie zuvor aufgenommen. Das allein macht dieses Album schon zu einem Ereignis. Doch es ist mehr als nur ein historisches Dokument: Es ist Gabettas persönliche Hommage an eine mutige Vorgängerin. Und nebenbei, so erzählt sie, hat die intensive Auseinandersetzung mit Cristianis Repertoire sogar ihre eigene Technik verbessert. Ein Lebenslauf wie ein Roman – jetzt wieder zum Klingen gebracht. Mit Leidenschaft, Können und tiefer Verbeugung.
PS: Sol Gabetta hat ihre Recherche auch in einer Dokumentation festgehalten, die es in der Arte Mediathek zu sehen gibt: https://www.arte.tv/de/videos/097595-000-A/mit-dem-cello-ans-ende-der-welt/

