Auf alle Fälle eines der besten Folkalben dieses Jahres
Es gibt Singer-Songwriter, die schreiben Songs. Und dann gibt es Storyteller wie Tim Grimm, die Geschichten erzählen, die sich zufällig in Melodien kleiden. Nach 25 Jahren und 13 Alben hat der Mann aus Indiana seinen Platz in der Tradition von John Prine, Woody Guthrie und Bob Dylan mehr als verdient – auch wenn sein Name hierzulande immer noch zu wenigen Menschen etwas sagt. „Bones Of Trees“ könnte das ändern. Sollte es zumindest.
Während sein letztes Album „The Little In-Between“ von 2023 noch die schmerzhafte Verarbeitung einer Trennung dokumentierte, richtet Grimm den Blick nun wieder nach außen. Und was er sieht, macht ihn wütend, traurig und nachdenklich zugleich. Das alles ist sehr pur, manchmal irisch und berührt direkt. „Getting Older“ ist eine Meditation über drei Männer und das Älterwerden, die einem näher geht, als einem lieb ist. Pianist Nate Borofsky und Gitarrist Sergio Webb schaffen einen Sound, der gleichzeitig warm und melancholisch ist.
Und dann wird Grimm politisch. „In The U.S.A.“ ist eine Kinderlied-artige Anklage gegen die Waffengewalt in Amerika, die durch ihre scheinbare Naivität umso härter trifft. Mit „Woody’s Landlord Revisited“ aktualisiert er seinen Song von 2016 und geht auf Donald Trump und J.D. Vance los – denn Woody Guthries Vermieter war natürlich Fred Trump, der Vater des aktuellen Präsidenten. „Liar, liar, pants on fire, nose as long as a telephone wire.“ Eine Zeile zum Niederknien. Das im Stil Guthries gesungene Stück ist Folk-Protest vom Feinsten, und man versteht, warum Grimm mit „Broken Truth“ 2024 den meistgespielten Song im US-Folk-Radio hatte.
Aber „Bones Of Trees“ ist mehr als politisches Statement. Grimm führt uns durch die raue Landschaft des Mittleren Westens, lässt uns mit „Hunting Shack“ an der Jagdhütte seines Vaters innehalten und entführt uns dann nach Irland: „Mists Of Ennistymon“ ist eine Celtic-Folk-Perle, in der Grimm – begleitet von Dougie Pincock an den Pipes und Paul McKenna am Gesang – den Spuren seines Ur-Ur-Großvaters folgt, der während der großen Hungersnot nach Cape Breton auswanderte. Hier verschmelzen amerikanische und irische Folklore zu etwas Neuem, Berührendem.
Die zweite Cover-Version, John McCutcheons „Christmas In The Trenches“, erzählt von dem Weihnachtsfrieden 1914 in den Schützengräben – sechs Minuten voller Menschlichkeit in unmenschlichen Zeiten. Und zum Abschluss „Hadley’s Banjo“, eine gesprochene Ballade über ein Banjo, das von Musiker zu Musiker weitergereicht wird und damit Generationen verbindet: „The strings and frets can be replaced, but the bones are rich and fine.“ Genau wie die Songs auf diesem Album. Es gibt nichts Künstliches an Tim Grimm – nur ehrliches, meisterhaftes Songwriting, das unter die Haut geht und dort bleibt.

