Berliner Küchenpoesie für unruhige Zeiten
Wohin gehen wir, wenn unsere Welt verschwindet? Diese Frage stellen sich, neben wahrscheinlich einigen von uns, auch Gwendolin Tägert und Franky Fuzz auf ihrem zweiten Album – und beantworten sie mit zwölf Songs, die so leicht daher kommen, dass man fast übersieht, wie clever sie gemacht sind. Das Berliner Duo hat sein zweites Album erneut in einer Kreuzberger Altbauküche aufgenommen, mit Gitarre, Bass, ein bisschen Percussion und jeder Menge Harmoniegesang. Klingt nach Understatement, ist aber das Gegenteil: ein rundum organischer, warmer Sound, der sich irgendwo zwischen The Byrds, den Bangles, den Beach Boys und jede Menge Throw That Beat in the Garbagecan einrichtet, ohne auch nur eine Sekunde wie Retro-Nostalgie zu wirken.
Die Songs atmen den Folk der Sechziger, den Powerpop der Neunziger, manchmal Bossa Nova, manchmal Country – und vor allem eine Menge Kreuzberger Gelassenheit. Gwendolins helle, mädchenhafte Stimme und Frankys warme Harmonien legen sich übereinander wie Zuckerwatte, die auf der Zunge schmilzt. Songs wie „Bartender at a Comedy Club“ oder „Columbo“ kommen mit ordentlich Humor daher, während „Summer’s gone, it’s over“ melancholisch nachhallt. Das eigentliche Herzstück aber ist „Don’t spread the hate“ – ein Mantra, das sich durch das gesamte Album zieht. Hinter jeder ironischen Beobachtung über Lieferfahrrad-Kamikazen, torkelnde Junggesellinnen-Gruppen oder zu langsame Menschenmassen steckt der Glaube, dass Wärme und Menschlichkeit noch eine Option sind.
Grateful Cat machen keine große Sache aus der Tatsache, dass die Welt gerade ziemlich durcheinander ist. Sie verwandeln die großen Fragen in kleine, singbare Momente – politische Endzeitängste werden zu intimen Momentaufnahmen, und eine schlafende Katze auf dem Schoß kann mehr bedeuten als tausend kluge Worte. Das ist Pop, der ernst meint, was er sagt, ohne dabei schwer zu werden. Ein End-of-Summer-Album, das man schwer greifen, aber sehr leicht lieben kann.

