Und es gibt doch eine elektrische Version
Peter Bongartz fragte mich, ob ich an seiner Stelle hier eine Rezension über das Boxset „Nebraska“ von Bruce Springsteen schreiben könnte. Er fühlt sich befangen, da er ein Die-Hard-Springsteen-Fan ist. Na dann, dachte ich mir, übernehme ich das halt und geb’ mir alle Mühe, dass er diesen Auftrag auch gleich wieder bereut. Denn mit Sicherheit wäre er der wesentlich kompetentere Rezensent. Alle Bruce Springsteen Fans können sich schon mal Kies für meine bevorstehende Steinigung besorgen. Ich beichte nämlich an dieser Stelle ein Sakrileg. Ich habe einst ein Bruce Springsteen & The E Street Band Konzert verlassen, bevor es zu Ende war. Ich habe es nicht mal bis zur Hälfte geschafft, weil ich genervt war. Genervt von zwei Pianos und gefühlten acht Gitarren und allerhand anderem Instrumentarium, das ständig einen jeden Quadratmillimeter Halle ausfüllenden Wall Of Sound erzeugte, der mir schlicht die Luft zum Atmen nahm. Es war laut, undifferenziert, matschig und auf der Bühne haufenweise Hard Working Americans, zu denen ich gern gesagt hätte: müht Euch nicht meinetwegen, schaltet doch auch mal einen Gang runter. Das Ethos des Hard Working Guys geht mir sowieso auf den Zeiger. Aber das ist in Amerika pathologisch. Und bei uns leider kaum weniger. Wer nicht halbtot heimkommt, hat offensichtlich nichts geleistet. Und wer nichts leistet, braucht mindestens einen Burn-out, um sich selbst vor den anderen rechtfertigen zu können. Das Leben ist aber nicht nur Arbeit, liebe Genossinnen und Genossen. Und Arbeit kann auch was Schönes sein. Mit dem Akustikalbum “Nebraska” leistete sich „The Boss“, wie man den CEO der E-Street Band auch nennt, im Jahre 1982 etwas Ungeheuerliches. Er klampfte seine Songs allein auf der Akustik-Gitarre, benutzte nur dezente atmosphärische Sounds und sang seine Lieder irgendwie vor sich hin, als ob er am Küchentisch sitzen und zwischendurch auch mal den Topf am Herd umrühren würde. “Nebraska” war immer schon mein Lieblings Bruce Springsteen Album und – Hurra!! – heute sind alle Zeitungen voll davon, dass genau dieses Album, welches damals nicht unbedingt Anklang fand, eines seiner besten, wenn nicht sogar sein Meisterwerk sei! Und der Film, der zurzeit als Biopic in den Kinos läuft, ist auch dieser Phase von Bruce Springsteen gewidmet. Das nun veröffentlichte Boxset besteht aus einem Remaster des Original-Albums, sowie einer CD mit Outtakes der “Nebraska”-Sessions, einer Live Performance und einem Album, das sich “Electric Nebraska” nennt, wo auch die Bandmitglieder mitmischen durften. Auch letzteres war eine Veröffentlichung wert. Exemplarisch muss man sich nur die beiden „Born in the USA“ Versionen anhören. Im Boxset sowohl in einer Akustikversion enthalten, als auch in einer mit Band. Bekanntlich wurde dieser Song später zum Signature Song von Bruce Springsteen. Die beiden nun vorliegenden Ursprungsversionen, die es seinerzeit nicht auf das Original Album geschafft hatten, sind im Gegensatz zur bekannten Hitversion vollkommen ungeeignet als patriotische Hymne missverstanden zu werden. Das würde nicht mal dem begriffstutzigsten MAGA Taliban passieren. Heute ja sowieso nicht mehr, ist der Boss doch einer der Wenigen, die sich offen gegen Trumps faschistoide Agenda stellen. Immerhin arbeitet der Boss nicht nur hart, er hat offensichtlich auch Eier! ”Nebraska” war ohnehin mutig, da es nicht der erwartete Career Move war, eher ein Freischwimmen als Künstler. Mit dem Risiko vom Publikum deshalb verachtet, oder noch schlimmer, ignoriert zu werden. Aber wie schon bei der kürzlich vorgestellten Sammlung komplett unveröffentlichter ganzer Springsteen Alben „Tracks 2“ ist auf dieser Expanded Edition durchwegs alles hörenswert. Dass Springsteen ein bemerkenswerter Songschreiber ist, muss ich an dieser Stelle nicht ausführen. Eine klare Kaufempfehlung daher.
Vielleicht überlegt sich die Fangemeinde das mit der Steinigung ja nochmal…

