Die Rückkehr eines großen Amerikaners zu seinen musikalischen Wurzeln
Manchmal ist es wichtiger, nach Hause zu kommen, als immer weiter zu gehen. Marcus King hat in den letzten Jahren mit Dan Auerbach und Rick Rubin gearbeitet, hat sich stilistisch in alle Richtungen gestreckt, hat ein Grammy-nominiertes Solo-Album veröffentlicht. Und jetzt das: Er kehrt zurück zu seiner Band, mit der er seit 2018 kein gemeinsames Studioalbum mehr aufgenommen hat. “Darling Blue” heißt dieses Wiedersehen, aufgenommen in den legendären Capricorn Studios in Macon, Georgia – dort, wo einst die Allman Brothers Band und Marshall Tucker ihre Klassiker eingespielt haben. Und man hört es diesem Album an, dass hier etwas Heilsames passiert ist.
Von der ersten Sekunde an ist klar: Dies ist nicht nur irgendein weiteres Marcus-King-Album. Der Opener “On and On” beginnt bescheiden auf der Veranda, entwickelt sich dann aber zu einem lässigen Jam irgendwo zwischen Faces und den Stones, während Banjo und Streicher um Kings Stimme tanzen. Es ist ein Song über Verantwortung und Nüchternheit, über das Erwachsenwerden und die Einsicht, dass niemand unschuldig ist. Diese Ehrlichkeit zieht sich durch alle 14 Songs: King singt über seine Kämpfe mit Depression und Sucht, über seine Heimat South Carolina, über Liebe und das Leben, das er sich aufgebaut hat. Ein Mann, der seine Dämonen konfrontiert hat und jetzt mit Dankbarkeit auf jede Narbe blickt.
Stilistisch ist “Darling Blue” eine wilde Fahrt durch Amerikas musikalische Landschaften: Das swampige “Here Today” mit Jamey Johnson und Kaitlin Butts groovt auf einer staubigen Landstraße, während “Heartlands” mit Geige und Banjo pure Bluegrass-Wärme verströmt. “Carolina Honey” ist Motown mit fetten Bläsersätzen garniert mit einer ordentlichen Portion Southern Blues. Dann gibt es noch “Die Alone”, eine cinematische Akustikballade, die wie für einen modernen Western geschrieben scheint. Dass all das nicht auseinanderfällt, liegt an Kings Stimme: rau, leidenschaftlich, gelebt. Sie ist das Bindeglied, das Honky-Tonk-Krawalle und Lagerfeuer-Bekenntnisse zusammenhält.
Manch einer wünscht sich vielleicht mehr von Kings legendärem Gitarrenspiel, aber Produzent Eddie Spear (Sierra Ferrell, Zach Bryan) hat sich für einen stärker vokal orientierten Sound entschieden, der die Band als Kollektiv in den Vordergrund stellt. Marcus King hat sich hier nicht als Virtuose inszeniert, sondern als Teil von etwas Größerem. Und wenn Billy Strings bei “Blue Ridge Mountain Moon” vorbeischaut und die Gitarren dann doch mal losgehen, ist das durchaus beglückend. “Darling Blue” ist kein Album für Puristen – weder für die Country-Fraktion noch für die Southern-Rock-Hardliner. Es ist ein Album für alle, die glauben, dass Musik dann am besten ist, wenn sie ehrlich ist.

