Wenn das Märchen dunkler wird
Es war nur eine Frage der Zeit, bis Laufey ihr makelloses Märchen zerbrechen lässt. Die isländisch-chinesische Sängerin, die mit ihrem Grammy-prämierten Album „Bewitched“ 2023 zur Jazz-Pop-Königin der Gen Z wurde, öffnet auf „A Matter Of Time“ erstmals die Türen zu den dunkleren Zimmern ihres Schlosses. Und siehe da: Hinter der glitzernden Fassade aus Big-Band-Nostalgie und schwelgerischen Orchestrierungen lauert auch bei ihr die Unvollkommenheit, die Unsicherheit, die Wut. Nur dass sie das alles in so atemberaubend schöne Klänge packt, dass man erst beim dritten Hören merkt, wie finster es hier teilweise zugeht. „A Matter Of Time“ spielt den Kreislauf von Verliebtheit, Liebe und Verlust – erzählt in vierzehn Songs zwischen Jazz, Bossa Nova, klassischem Pop und Chamber-Pop-Bombast. Produziert wurde es von ihrem langjährigen Partner Spencer Stewart und – Überraschung – Aaron Dessner von The National. Das Ergebnis klingt filmischer, größer und selbstbewusster als alles, was Laufey bisher gemacht hat. Der Opener „Clockwork“ ist ein dekadentes Stück Big-Band-Nostalgie mit tickenden Uhren im Hintergrund, das die Nervosität des ersten Dates einfängt. „Lover Girl“ ist klassische Laufey: Bossa Nova trifft auf ihre honigfarbene Stimme, während sie zugibt, dass sie nie dachte, diese verliebte Person zu sein. Doch schon bei „Snow White“ wird es dunkel – hier starrt sie in den Abgrund ihrer Unsicherheiten, singt über Schönheitsideale und das Gefühl, nie genug zu sein. „Mr. Eclectic“ (mit Clairo als Gastsängerin) ist eine süffisante Abrechnung mit einem großspurigen Typen, der sich für intellektueller hält, als er ist – „Oh, what a poser“, seufzt sie, während die Streicher bedrohlich zittern. Das instrumentale Intermezzo „Cuckoo Ballet“ markiert die Mitte des Albums und fungiert als orchestrales Reprise der ersten sechs Songs – ein Moment zum Durchatmen, bevor es in die zweite Hälfte geht, wo die Beziehung endgültig zerbricht. „Forget-Me-Not“, gesungen teilweise auf Isländisch und begleitet vom Iceland Symphony Orchestra, ist eine eindringliche Hymne an Heimweh. Und dann kommt „Sabotage“, der Schlusssong, der das ganze märchenhafte Konstrukt zum Einsturz bringt: Was sanft beginnt, endet in einem Ausbruch aus dissonanten Streichern, dröhnenden Trommeln und kreischenden Trompeten – ein abruptes Ende, das nahtlos zurück zum hoffnungsvollen „ding, dong“ des Openers führt. Der ewige Kreislauf. Laufey beherrscht ihr Handwerk: Sie spielt selbst Cello, Piano, E-Bass und diverse andere Instrumente, die Arrangements sind durchweg brillant, ihre Altstimme navigiert mühelos zwischen Julie London und Dionne Warwick. Mag sein, dass manche das zu Disney-Soundtrack-artig finden oder bemängeln, dass sie eher polierte Hommage als authentischer Jazz ist. Aber mal ehrlich: Wer sonst macht heute noch solche Musik? Wer sonst bringt Gen Z dazu, sich für Bossa Nova und Big-Band-Sounds zu begeistern? „A Matter Of Time“ ist mutig, emotional und verdammt schön – ein Album, das zeigt, dass selbst die glänzendsten Märchen ihre Schatten haben.

