Neil Hannons schönstes Album seit Jahren
Es hilft ja nix, über „Rainy Sunday Afternoon“, das 13. Album von The Divine Comedy muss man schreiben. Nach seiner Arbeit am Wonka-Soundtrack (die ihm nebenbei die Abbey-Road-Sessions finanzierte) hat Neil Hannon ein Album aufgenommen, das so persönlich, so melancholisch und gleichzeitig so meisterhaft ist, dass man es einfach nicht ignorieren kann. Der Opener „Achilles“ gibt bereits die Richtung vor: Hannon zitiert aus Patrick Shaw-Stewarts Gedicht über denKrieger Achilles und verwebt es mit Gedanken über die eigene Sterblichkeit – „Was it so hard, Achilles, so very hard to die?“ Diese Mischung aus literarischer Bildung, orchestraler Opulenz und existenziellen Fragen durchzieht das gesamte Album. In „The Last Time I Saw The Old Man“ verarbeitet Hannon den Tod seines Vaters, während „Invisible Thread“ seine Tochter beim Verlassen des Elternhauses besingt. Dazwischen findet sich mit „The Man Who Turned Into A Chair“ eine skurrile musikalische Zeitreise, die klingt wie das Titellied einer vergessenen 60er-Jahre-Kindersendung. Was „Rainy Sunday Afternoon“ so außergewöhnlich macht, ist die Balance: Ja, hier reflektiert jemand über Alter, Verlust und Vergänglichkeit, doch Hannon verliert sich nie in Schwermut. Der Titeltrack schwelgt in sarkastisch beschwingtem Big-Band-Sound, während er über den Zustand der Welt nachdenkt. „Mar-a-Lago By The Sea“ ist ein herrlich böser Seitenhieb („swapping wives for beauty queens“ / „all that ostentatious wealth, all those paintings of myself“), verpackt in einen eleganten Ballroom-ChaCha. Und „Down The Rabbit Hole“ träumt sich mit glitzerndem Gestus in magische Parallelwelten. Die Produktion ist umwerfend: Streicher, die sich zu orchestralen Höhenflügen aufschwingen, dezentes Piano, üppige Bläserarrangements – alles klingt so warm und voll, dass man fast vergisst, wie filigran hier gearbeitet wurde. Songs wie „I Want You“ oder „All The Pretty Lights“ offenbaren bei jedem Hören neue Details, kleine harmonische Wendungen, unerwartete Instrumentierungen. Das ist Kammerpop der absoluten Spitzenklasse, irgendwo zwischen Scott Walker, Burt Bacharach und den großen Musical-Komponisten angesiedelt, doch immer unverkennbar The Divine Comedy. „Rainy Sunday Afternoon“ ist ein Album für reife Menschen über das Reiferwerden. Es ist elegant, distinguiert, manchmal fast altmodisch in seiner orchestralen Pracht – und gerade deshalb so zeitlos. Hannon singt über banale Streitigkeiten mit seiner Frau an einem verregneten Sonntagnachmittag, über die Angst vor der Zukunft und die Sehnsucht nach der Vergangenheit, über das Leben zwischen Nostalgie und Hoffnung. Dass er dabei nie ins Kitschige abgleitet, sondern stets eine gewisse ironische Distanz wahrt, macht dieses Album zu einem kleinen Meisterwerk.

