Pauls lauteste und leiseste Wahrheit
Wenn ein 83-Jähriger, der schon alles erreicht hat, was es in der Popmusik zu erreichen gibt, plötzlich anfängt, von einem Mädchen am erleuchteten Fenster zu singen, dem er als Junge nachstellte, dann horcht man auf. „As You Lie There“ eröffnet „The Boys of Dungeon Lane“ mit genau dieser Szene, leise, fast gesprochen, bis die E-Gitarre einsetzt und McCartney verzweifelt schreit: „As you lie across the bed, am I there inside your head?“ Es ist ein Trick, den er schon immer konnte: das Banale ins Bodenlose kippen lassen.
18 Studioalben hat Paul McCartney jetzt auf dem Konto, und ausgerechnet dieses späte Werk könnte zu einem der besten gehören. Der Titel stammt aus einer Zeile von „Days We Left Behind“, benannt nach einer Straße in Speke, dem Liverpooler Arbeiterviertel, in dem McCartney aufwuchs und wo er George Harrison kennenlernte – lange bevor irgendjemand das Wort Beatlemania auch nur buchstabieren konnte. Co-produziert hat Andrew Watt, der McCartney offenbar nicht modernisieren, sondern einfach machen lassen wollte: Größtenteils im Ein-Mann-Band-Stil eingespielt, zwischen 2021 und 2025 zwischen Los Angeles und East Sussex entstanden, klingt das Album erstaunlich frisch für ein Projekt, das fünf Jahre brauchte.
Es ist die Zeit vor dem Ruhm, die McCartney hier umtreibt – nicht zum ersten Mal, aber nie zuvor mit dieser Offenheit. „Salesman Saint“ erzählt von seinen Eltern im Zweiten Weltkrieg, „Down South“ erinnert sich an Busfahrten mit George Harrison, bei denen es nur um Gitarren und Rock’n’Roll ging. Höhepunkt ist „Home to Us“, das erste echte Duett mit Ringo Starr überhaupt – nach über sechs Jahrzehnten gemeinsamer Geschichte. Die beiden alten Männer singen über ihre raue Heimatstadt, fast frech, und lassen sie kurz wiederauferstehen.
Natürlich fehlen die großen Balladen nicht: „Life Can Be Hard“ und besonders das abschließende „Momma Gets By“ lassen die Liebe über das harte Leben triumphieren. McCartneys Stimme ist brüchiger geworden, fast körperlos an manchen Stellen, aber genau das macht die leisen Songs so eindringlich. Andrew Watt weiß, wann er eingreifen muss und wann er einfach den vielleicht natürlichsten Musiker der Popgeschichte sein Ding machen lassen sollte.
Wer befürchtet, dass hier nur ein alter Mann wehmütig zurückblickt, irrt: „Come Inside“ rockt unverschämt, „Mountain Top“ bricht mitten im Schunkeln in einen Rock-Ausbruch aus. McCartney bleibt der Beatle, der für die radikalsten Wendungen im Katalog verantwortlich war. Forever, wie es gleich im ersten Song heißt. Paul McCartney forever.

