So geht Popmusik
Opulent und kreischend geschminkt wie auf einer Broadway-Bühne, soulig wie an einem Samstagabend kurz vor dem Ausgehen, charmant wie in einem Jazzclub, kuschelig wie an einem Sonntagmorgen – Raye gibt auf ihrem zweiten Album einfach alles und macht dabei keine Gefangenen. Wer das noch nicht wusste, dem hat die Britin spätestens mit ihrem Mega-Hit „Where Is My Husband“ erklärt, wie das geht: Big-Band-Messing, synkopierte R&B-Beats, eine Stimme, die gleichzeitig croont, rappt und im Vibrato in höchste Höhen steigt. Und das alles auf einer einzigen Single.
Auf „This Music May Contain Hope“ dehnt Raye dieses Prinzip auf 73 Minuten und 17 Songs aus – unterteilt in vier Jahreszeiten, von der Dunkelheit ins Licht. French Chanson, Bigband-Swing, Gospel, klassische Orchestrierung mit Hans Zimmer und dem London Symphony Orchestra, ein hinreißendes Duett mit Soul-Legende Al Green auf „Goodbye Henry“ und ein Abschluss-Track, in dem Raye minutenlang die Credits des Albums vorliest – weil warum auch nicht. Das kann sehr leicht viel zu viel sein – und ist es vielleicht auch. Aber hey, das ist Popmusik. Hier geht es um alles.
Was bei all dem verblüfft: Es hält zusammen. Weil Raye nicht performt, sondern lebt. Ihre Texte sind witzig, verletzlich, selbstironisch und vollkommen unbesorgt darum, ob irgendjemand das cool findet. „Nightingale Lane“, „I Know You’re Hurting“, das familienhafte „Fields“ mit ihrem Großvater – das sind keine Popsongs, das sind Geständnisse mit Blechbläsern. Das Album braucht Aufmerksamkeit und Geduld, und es belohnt beides.

