Ein Brief an den leeren Stuhl – und ein großes Indie-Album
„Singin‘ To An Empty Chair“, das sechste Studioalbum der Chicagoer Band The Ratboys, ist ein Brief – adressiert an eine geliebte Person, von der sich Sängerin und Songschreiberin Julia Steiner entfremdet hat. Der Titel verweist auf eine Therapietechnik: Man stellt sich vor, eben diese Person sitzt einem gegenüber, und führt das Gespräch, das sich so lange aufgestaut hat. Steiner hat das tatsächlich gemacht. Und dann daraus elf Songs geschrieben.
The Ratboys – neben Steiner noch Gitarrist Dave Sagan, Bassist Sean Neumann und Drummer Marcus Nuccio – arbeiten wie immer irgendwo im Niemandsland zwischen Indie-Rock und Americana, und sie klingen dabei selten so sicher wie hier. Produziert erneut mit Chris Walla (Death Cab For Cutie), aufgenommen in einer Hütte im ländlichen Wisconsin und in Steve Albinis legendären Electrical Audio Studios in Chicago, ist das Album keine Neuerfindung – aber eine grandiose Verfeinerung. Die erste Hälfte funkelnd und uptempo, „Anywhere“ ein zuckersüßes Stück Power-Pop, „Know You Then“ mit dem fettesten Riff des Albums. Dann, nach der Halbzeit, öffnet sich etwas: „Just Want You To Know The Truth“ ist eine kleine Erzählung über Familienbrüche, getragen von Sagans Slide-Gitarre, fast zurückhaltend – bis es das dann plötzlich nicht mehr ist. Und „Light Night Mountains All That“, das kosmische Herzstück, sechs Minuten Gitarrenwirbel am Rand der Atmosphäre, ist schlicht mitreißend.
Steiner schreibt nicht vom dramatischen Tiefpunkt aus, sondern aus der unbequemen Mitte – lange nach dem ersten Schmerz, weit vor irgendeiner Auflösung. Das ist mutiger und seltener, als es klingt. „Singin‘ To An Empty Chair“ endet mit dem sanften Country-Schaukeln von „At Peace In The Hundred Acre Wood“ – und man merkt: Wer aufmerksam zugehört hat, ist danach ein kleines bisschen anders als vorher.

