Ein Vater singt für seinen Sohn
„Cover The Mirrors“ ist ein Album, bei dem man schon innehält, bevor man den ersten Satz schreibt.
Ben Kweller – aufgewachsen als Teenager-Wunderkind mit seiner Grunge-Band Radish, dann lange Jahre als Singer-Songwriter unterwegs, bekannt für seinen melodischen Indie-Rock voller unverblümter Emotionalität – hat im Februar 2023 seinen 16-jährigen Sohn Dorian bei einem Autounfall verloren. Was danach kam, ist dieses Album. Sein siebtes. Sein persönlichstes. Und womöglich sein bestes.
Der Titel bezieht sich auf die jüdische Tradition des Schiva-Sitzens, bei der Spiegel verhängt werden, damit die Trauernden nicht in ihr eigenes Spiegelbild schauen. Kweller schaut trotzdem hin – schonungslos, offen, mit einer Ehrlichkeit, die weh tut und gleichzeitig tröstet. „Das ist das persönlichste, emotional rohste Projekt, das ich je gemacht habe“, sagt er selbst, und man glaubt ihm jedes Wort.
Musikalisch ist „Cover The Mirrors“ ein Album voller Kontraste: das schlichte, klaviergetragene „Going Insane“ als erschütternder Opener, das Garage-Rock-Brett „Dollar Store“ mit Katie Crutchfield von Waxahatchee – eine kraftvolle, wunderbar explodierte Nummer. „Killer Bee“ mit den Flaming Lips schimmert psychedelisch, während das Country-getränkte Abschlussstück „Oh Dorian“ mit MJ Lenderman an der Gitarre eher Feier als Abschied ist – ein Vater, der mit seinem Sohn noch einen letzten Jam spielt. Und dann ist da noch „Trapped“: ein Song, den Dorian selbst begonnen hatte und seinem Vater nicht mehr fertigstellen konnte. Kweller hat ihn zu Ende geschrieben. Wer dabei nicht heult, hat wirklich gute Nerven.
Dieses Album macht einem deutlich, wozu Musik in der Lage ist: nicht heilen, aber tragen. Unbedingt hören.

