Mauretanischer Wüstensturm, der Tradition und Zukunft verschmilzt
Neun Jahre. So lange hat Noura Mint Seymali sich Zeit gelassen für ihr drittes Album. Und wenn man „Yenbett“ hört, versteht man sofort: Jedes einzelne Jahr hat sich gelohnt. Gleich die ersten beiden Tracks – zwei Versionen von „Lehjibb“ – machen klar, wo die Reise hingeht: Erst die archaische Ardine, diese nur von Frauen gespielte mauretanische Harfe, allein in hallendem Raum. Dann bricht alles auf – verzerrte E-Gitarre, donnernde Drums, wummernder Bass. Und darüber diese Stimme, die einen schlicht nicht mehr loslässt. Noura Mint Seymali ist praktizierende Griot, Tochter des Komponisten Seymali Ould Ahmed Vall und Stieftochter der legendären Sängerin Dimi Mint Abba – ein musikalisches Erbe, das sie auf „Yenbett“ mit eigener, wilder Handschrift weiterführt. Ihr Ehemann Jeich Ould Chighaly liefert an der E-Gitarre flirrende, psychedelische Soli, die rhythmisch irgendwo zwischen Captain Beefhearts Magic Band und schwerem Sahara-Funk mäandern. Die Grooves, angetrieben von Drummer und Co-Produzent Matthew Tinari und Bassist Ousmane Touré, sind schlicht unwiderstehlich – hypnotisch, treibend, dabei nie überladen. Produziert hat neben Tinari auch Mikey Coltun, bekannt als Bassist von Mdou Moctar, und man hört diese Verwandtschaft: roh, direkt, mit einer Klarheit, die den Songs Luft zum Atmen lässt. Zugegeben, Seymalis Gesangsstil ist nicht für jeden sofort zugänglich – die Ululations, die ekstatischen Ausrufe, das ist eine ganz eigene Klangwelt. Aber genau darin liegt die Magie: Wer sich darauf einlässt, wird von einer Kraft erfasst, die Grenzen zwischen Zeiten und Kulturen mühelos überwindet. „Guéreh“, ein wiederbelebter mauretanischer Hochzeitstanz, und das meisterhafte Instrumental „Moughadim Karr“ sind nur zwei Höhepunkte unter vielen. „Yenbett“ bedeutet „es wächst“ – und genau das tut dieses Album mit jedem Hören.

