Mit 62 macht der Songwriting-Meister genau da weiter, wo ihn das Leben hingebracht hat
Robbie Fulks ist so einer, den man eigentlich kennen müsste, aber irgendwie doch nicht kennt. Alt-Country-Pionier der 90er, zwei Grammy-Nominierungen, „one of the best writers in America, period“ laut Variety Magazine – und trotzdem nie wirklich im großen Scheinwerferlicht. Mit 62 Jahren hat er sich 2018 von Chicago nach Los Angeles abgesetzt und packt auf „Now Then“ alles rein, was ihm dabei durch den Kopf gegangen ist. Das Ergebnis? Ein Album, das sich um Älterwerden dreht, ohne dabei weinerlich oder verbittert zu klingen.
Der Opener „Workin‘ No More Blues“ macht gleich klar, worum es geht: Das Gefühl, plötzlich aus dem Takt zu sein mit allem um einen herum. Fulks singt über den Moment, wenn man merkt, dass man zu alt für den Job geworden ist, dass man den Faden verloren hat. Aber statt sich darüber zu beklagen, findet er fast schon dunkel-komische Antworten darauf. Seine Stimme klingt dabei so gelassen, als würde er einfach nur laut denken. Das zieht sich durch: „Ocean City“ erinnert an glückliche Kindheitstage am Strand, aber mit toten Familienmitgliedern im Traum. „Savannah Is A Devilish Girl“ handelt von einem 62-Jährigen, der sich in einem feuerumtosten Los Angeles festsitzt und sich nach Georgia zurücksehnt – begleitet von Banjo und Fiddle, mit einem wehmütigen Jodler, der unter die Haut geht.
Musikalisch ist „Now Then“ Folk-Rock mit Ausflügen in Country, Punk und sogar ein bisschen NRBQ-artigen Rock’n’Roll. „Poor And Sharp Witted“ könnte tatsächlich auf einem NRBQ-Album gelandet sein, mit seinem schrägen Blick auf den American Dream. Aufgenommen in Jackson Brownes Santa Monica Studio, mit einer Besetzung, die sich liest wie ein Who’s Who der US-Roots-Szene: Pete Thomas von Elvis Costello am Schlagzeug, Jenny Scheinman an der Geige, Duke Levine und Kevin Barry an den Gitarren. Gemixt hat Tucker Martine, der auch schon für Roseanne Cash und My Morning Jacket gearbeitet hat. Das hört man: Die Produktion ist warm, direkt und organisch, ohne überproduziert zu klingen.
Fulks selbst beschreibt sein psychologisches Profil auf diesem Album als „70% nachdenklich, 20% amüsiert und 10% wütend“. Das trifft es ziemlich gut. „The Thirty-Year Marriage“ seziert langjährige Beziehungen mit chirurgischer Präzision, „Your Tormentors“ thematisiert dunkle Familiengeheimnisse und Kindesmissbrauch mit einer entsprechend düsteren Melodie. Und dann gibt es „That Was Juarez, This Is Alpine“, das die Zugfahrt mexikanischer Migrant*innen über die Grenze nach Texas beschreibt – poetisch, einfühlsam, erinnert an Dylans „I Pity The Poor Immigrant“.
Das Album schließt mit einer Cover-Version von Dan Penn und Spooner Oldhams „Ol‘ Folks“, im Duett mit Eleanor Whitmore gesungen. Es ist eines dieser Stücke, die einen nicht loslassen – ähnlich wie John Prines „Hello In There“. Und dann, als letzter Track, „Nobody Cares“: Fulks, alleine mit seiner Gitarre im Veranda-Style, singt „Nobody cares about me, and man, that’s fine.“ Keine Resignation, sondern fast schon Befreiung. Ein perfekter Schlusspunkt für ein Album, das immer wieder zeigt: Älterwerden bedeutet nicht nur Verlust, sondern auch neue Freiheiten.
„Now Then“ ist kein Album für Leute, die es eilig haben. Es braucht Zeit, sich zu entfalten, die Texte wollen gehört werden, die Arrangements verdienen Aufmerksamkeit. Aber wer sich darauf einlässt, bekommt eins der klügsten, ehrlichsten und handwerklich besten Americana-Alben des Jahres. Robbie Fulks ist auch mit 62 noch längst nicht fertig – und das ist verdammt gut so.

